Behauptung: „Klimawandel? Gibt es nicht!“

Behauptung: „Der Meeresspiegel steigt gar nicht“

Behauptung: Das Gerede von steigenden Ozeanen und versinkenden Inseln ist Quatsch. Die Küstenpegel auf Tuvalu beispielsweise geben keine Anzeichen für einen Untergang.  Auch auf anderen Pazifikinseln zeigten Tidenmesser in den letzten 16 Jahren keine Änderung des Meeresspiegels.

Fakt ist: Der Anstieg der Meeresspiegel, der sich sogar noch beschleunigt, ist durch viele verschiedene Messungen belegt

Antwort: 

Der Meeresspiegel wird mit einer Reihe unterschiedlicher Methoden gemessen, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen: Daten von Sedimentbohrkernen, Tidenmessern und Satelliten belegen, dass der Meeresspiegel global steigt. Der Anstieg hat sich im letzten Jahrhundert beschleunigt. Messungen an nur einem einzigen Ort und über kurze Zeitspannen sind kein verlässlicher Indikator für die Gesamtentwicklung.

Ein häufiger Fehler in der Klimadebatte besteht darin, aus Datenbruchstücken mit begrenzter Aussagekraft sehr weitgehende Schlussfolgerungen zu ziehen – und dabei das Gesamtbild zu vernachlässigen. Die Behauptung, der Anstieg des Meeresspiegels habe sich verlangsamt oder sei sogar zum Stillstand gekommen, ist ein typisches Beispiel für diese Argumentationsweise. Dabei wird gern auf Satellitenmessungen des durchschnittlichen weltweiten Meeresspiegelanstiegs seit Anfang der neunziger Jahre verwiesen (siehe Abbildung 1). So wurde 2008 von Klimaskeptikern öffentlich behauptet, seit 2006 stagniere der Meeresspiegel.

Steigerung Meeresspiegel

Abbildung 1: Satellitenmessungen der Veränderungen des globalen Durchschnitts- Meeresspiegels (ohne saisonale Schwankungen und invers-barometrischem Effekt), in Rot die Daten des Satelliten „Topex“, in Grün und Gelb die der Folgemissionen „Jason“, die blaue Kurve zeigt das 60-Tages-Mittel, die schwarze Linie den Gesamttrend; Quelle: University of Colorado

Schon damals zeigte eine Betrachtung der vollen Datenreihe, dass der langfristige Trend des Meeresspiegelanstiegs von einem „Rauschen“ überlagert ist, d.h. von kurzfristigen Schwankungen. Wegen dieser Fluktuationen gibt es kurze Zeiträume mit mehr oder weniger raschem Anstieg. Diese Schwankungen bedeuten keine Änderung im klimabedingten Trend, und tatsächlich stieg nach 2008 der Meeresspiegel weiter.

Dieses Phänomen aber ist normal, wenn aus Einzeldaten einer schwankenden Entwicklung eine Langzeitentwicklung abgeleitet wird. Bei den Temperaturaufzeichnungen beispielsweise ist es nicht anders (und auch dort werden oft die gleichen falschen Schlüsse gezogen). Man sollte deshalb stets sehr skeptisch sein, wenn jemand langfristige Tendenzen aus Daten nur weniger Jahre (oder nur eines Ortes) abzuleiten versucht.

Aus Küstenpegeln kann der globale Meeresspiegelanstieg seit dem 19. Jahrhundert (oder sogar noch weiter zurück) berechnet werden (siehe Abbildung 2). Dabei zeigt sich, dass die Anstiegsrate sich von ca. einem Millimeter pro Jahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts. auf rund drei Millimeter pro Jahr zum Ende des 20. Jahrhunderts beschleunigt hat.

Steigerung Meeresspiegel

Abbildung 2: Anstieg des Meeresspiegels laut Küstenpegeln (rot, aus Church 2006) und laut der oben diskutierten Satellitenmessungen ab 1993 (blau)

Über noch längere Zeiträume kann der Meeresspiegel aus Sedimentdaten rekonstruiert werden. Abbildung 3 zeigt eine solche Rekonstruktion aus dem Nordatlantik (Kemp 2011). Dabei zeigt sich, dass die Anstiegsrate im 20. Jahrhundert dreimal so hoch war wie in jedem früheren Jahrhundert der zurückliegenden 2000 Jahre.

Steigerung Meeresspiegel

Abbildung 3: Verlauf des Meeresspiegels über die letzten zweitausend Jahre aus Sedimentbohrkernen in North Carolina (blaue Kurve). Zum Vergleich sind in grün die am weitesten zurückreichenden Pegeldaten gezeigt, sowie eine Modellrechnung auf Grundlage des globalen Temperaturverlaufes; Quelle: Kemp 2011

Umfassendere Betrachtung des Meeresspiegelanstiegs

Traditionell wird der globale Durchschnitts-Meeresspiegel (d.h. der weltweite Durchschnitt des Ozeanpegels) durch Tidenmesser bestimmt. Sie ermitteln den Stand der Meeresoberfläche im Verhältnis zur Küste. Ein Problem dabei ist, dass nicht nur der Meeresspiegel, sondern auch die Höhe des Landes sich verändern kann, z.B. als Landabsenkung durch das Abpumpen von Grundwasser oder durch glazio-isostatische Ausgleichsprozesse. Diese treten auf, wenn Landmassen früher von massiven Eisschilden heruntergedrückt wurden und sich nach der Befreiung von der Eislast nach dem Ende der letzten Eiszeit noch nach oben bewegen.

Zur Erstellung einer weltweiten Historie des Meeresspiegel-Standes werden die Landhebungs- oder Senkungsprozesse daher herauskorrigiert. So rekonstruiert beispielsweise Church 2006 mithilfe von Tidenmessern, die über die gesamte Erde verteilt sind, einen sich beschleunigenden Anstieg der Meere im 20. Jahrhundert.

Das Interessanteste sind dabei die langfristigen Entwicklungen: Abbildung 4 zeigt die Veränderung des 20-Jahres-Trends beim weltweiten Durchschnitts-Meeresspiegel (auf der Basis von Tidenmessungen): Von 1880 bis ins frühe 20. Jahrhundert stieg der Meeresspiegel um etwa einen Millimeter pro Jahr. Während fast des gesamten 20. Jahrhunderts stieg er um ungefähr zwei Millimeter pro Jahr. (Von 1963 bis 1991 ereigneten sich mehrere Vulkanausbrüche, die zu einer Abkühlung der Atmosphäre und damit Kontraktion der oberen Ozeanschichten führten – Folge war eine zeitweise Verlangsamung des Meeresspiegelanstiegs.) Zum Ende des 20. Jahrhunderts erreichte der Anstieg dann drei Millimeter pro Jahr, und die fünf jüngsten 20-Jahres-Durchschnittswerte (rot eingetragen) zeigen die höchsten Werte überhaupt.

Steigerung Meeresspiegel

Abbildung 4: Entwicklung der 20-Jahres-Trends beim Anstieg des globalen Durchschnitts-Meeresspiegels (schwarze Kurve), grau gepunktet ist die 1-Sigma-Fehlermarge verzeichnet, rot dargestellt sind die letzten fünf Werte; Quelle: Church 2008

Insgesamt ergibt sich also aus einer umfassenden Untersuchung der historischen Aufzeichnungen, dass der Meeresspiegel nicht einfach nur steigt. Vielmehr hat sich der Anstieg seit dem späten 19. Jahrhundert noch beschleunigt. Auch an den deutschen Küsten sind die Meeresspiegel in den letzten Jahren stärker gestiegen, wie Pegeldaten aus der Deutschen Bucht belegen (Wahl 2011).

Mittlerweile warnen Forscher sogar (Vermeer 2009), die bisherigen Zahlen des IPCC zum Ozeanpegel könnten das Problem deutlich unterschätzen.

John Cook/klimafakten.de, Stand: November 2011