Behauptung: „Die Gletscher schmelzen gar nicht“
Fakt ist: Ja, es gibt einige wachsende Gletscher – eine Gesamtschau aber zeigt, dass die Gletscher weltweit deutlich schrumpfen
Gletscher reagieren direkt und schnell auf Änderungen der atmosphärischen Bedingungen. Wenn die Temperaturen steigen, kommt es im Sommer zu einem verstärkten Abschmelzen. Im Winter nimmt die Eismenge zu, wenn es zu stärkeren Schneefällen kommt. Den stärksten Einfluss auf die Entwicklung der Gletscher hat aber die Lufttemperatur – zwischen ihrem Verlauf und den Schwankungen in der Gletscherausdehnung besteht eine starke Korrelation (Greene 2005): Grundsätzlich ziehen sich Gletscher zurück, wenn die Lufttemperatur steigt. Weil Gletscher dermaßen empfindlich auf Temperaturänderungen reagieren, sind sie wichtige Indikatoren für die Auswirkungen der Erderwärmung.
Für verlässliche Aussagen zur Entwicklung der Gletscher sollte nicht nur ihre flächenmäßige Ausdehnung betrachtet werden, sondern ihr Volumen. Diese sogenannte Gletschermassenbilanz bestimmen Glaziologen, also Eis- und Gletscherwissenschaftler, anhand verschiedener Techniken. Zu den direkten Methoden gehören Ablationspegel und Schneegruben. Erstere sind Stäbe mit Skalen, die in die Gletscheroberfläche gerammt werden – an der Länge des nach gewisser Zeit herausragenden Endes lässt sich ablesen, wie viel Eis abgeschmolzen ist. Für letzteres graben die Wissenschaftler Löcher und untersuchen die verschiedenen Schichten abgelagerten Eises. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen werden zusammen mit anderen Daten vom World Glacier Monitoring Service (WGMS) in Zürich gesammelt, ausgewertet und veröffentlicht.
Seit 1894 haben der WGMS und seine Vorgängerinstitutionen Daten zur Massebilanz von weltweit 243 Gletschern gesammelt. Anfangs wurden nur einige wenige Gletscher überwacht, und bis heute kommen die meisten Daten von der Nordhalbkugel. Doch im Laufe der Jahre wurde die Datenbasis breiter, was ein umfassenderes Bild der globalen Massenbilanzen möglich machte. Die besten Ergebnisse liefern langfristige, ununterbrochene und bis heute andauernde Gletscherbeobachtungen. Seit 1980 werden 37 Gletscher in zehn Gebirgsregionen auf der ganzen Welt laufend überwacht (elf Gletscher sogar schon seit 1960 oder noch länger). Sie dienen als „Referenzgletscher“.
Was zeigen nun diese Gletscherbeobachtungen? In der folgenden Tabelle sind die Masseänderungen einzelner Gletscher von 2009 auf 2010 aufgeführt (dies sind die aktuellsten vorliegenden Zahlen, die aber noch vorläufig sind – endgültige Werte für die vorherigen Jahre, die Liste der „Referenzgletscher“ sowie zahlreiche Detaildaten für mehr als hundert aktuell beobachtete Gletscher finden sich im Glacier Mass Balance Bulletin No. 11 des WGMS). Die Massenbilanz gibt es hier auch zum Herunterladen.

Abbildung 1: Gletschermassenbilanz für die Jahre 2009/2010, negative Werte bedeuten Gletscherschwund; Quelle: WGMS
Die Tabelle zeigt, dass einige Gletscher sich tatsächlich ausbreiten – allerdings zählt ein Teil davon zu den „surge-type glaciers“, also jener kleinen Zahl von Gletschern (Jiskoot 2000), die sich unabhängig von klimatischen Verhältnissen periodisch ausdehnen.
Doch konzentriert man sich bei der Ermittlung des globalen Gletscherwachstums nur auf wenige Gletscher, ergibt sich ein irreführendes Bild: Lediglich 19 von 108 Gletschern zeigten 2009/2010 ein Wachstum, die große Mehrzahl (80 Prozent) ist im Rückzug begriffen.
Abbildung 2: Verhältnis von wachsenden und schrumpfenden Gletschern 2009/2010, Quelle: WGMS
Und wie verändert sich die globale Gletschermasse langfristig? Es gibt verschiedene Methoden, um deren Veränderungen zu messen. Eine Möglichkeit ist, Durchschnittswerte für die WGMS-Referenzgletscher zu verwenden. Eine andere Möglichkeit ist die Berechnung des laufenden Durchschnitts sämtlicher Gletscher, zu denen Daten verfügbar sind. Die Ergebnisse beider Berechnungsmethoden über die zurückliegenden sechs Jahrzehnte zeigt Abbildung 3. Orange dargestellt ist die durchschnittliche Massenveränderung bei den Referenzgletschern, die blaue Linie bezieht sich auf sämtliche Gletscher, für die Daten vorliegen.
Abbildung 3: Kumulative Massenbilanzkurven für den Durchschnitt sämtlicher Gletscher (blau) und für den Durchschnitt der Referenzgletscher (orange) – die Maßeinheit „m w.e.“ (meter water equivalent) rechnet die gesamten Eisverluste in abgeschmolzene Höhenmeter um ; Quelle: Unep/WGMS 2008
Die Ergebnisse der beiden Ansätze sind konsistent (wobei der Massenverlust beim Durchschnitt sämtlicher Gletscher etwas stärker ist als bei den Referenzgletschern). Im ersten Jahrzehnt ab 1945 ist ein großer Massenverlust zu beobachten. Damals wurden jedoch nur einige wenige Gletscher überwacht, sodass diese Daten nicht als repräsentativ für sämtliche Gletscher weltweit bezeichnet werden können. Ab dem zweiten Jahrzehnt verlangsamte sich das Schmelzen. Um 1970 lag der globale Massenbilanzverlust nahe Null, die Gletscher befanden sich also beinahe in einem Gleichgewichtszustand, doch danach beschleunigte sich der Gletscherschwund wieder. Dies deutet darauf hin, dass der Gletscherschwund der vergangenen Jahrzehnte hauptsächlich als Reaktion auf die Erderwärmung nach 1970 erfolgte (Greene 2005).
Ab etwa 1975 setzte sich der Gletscherschwund bis zum heutigen Tag beschleunigt fort. Die Massenverlustrate der Zeit von 1996 bis 2005 übersteigt jene des vorhergehenden Jahrzehnts von 1986 bis 1995 um mehr als das Doppelte und ist über vier Mal so hoch wie die Massenverlustrate der Zeit von 1976 bis 1985 (Zemp 2009). Die bisher breiteste Studie kam zu dem Ergebnis, dass die meisten kleineren Gletscher überall auf der Welt bis Ende dieses Jahrhunderts verschwinden. Die gesamte Eismasse wird bis dahin um 21 Prozent (+/- sechs Prozent) abnehmen, was die Meeresspiegel um rund zwölf Zentimeter ansteigen lassen und weitreichende Folgen für regionale Wasserkreisläufe haben dürfte (Radić/Hock 2011).
Beschränkt man sich lediglich auf wenige handverlesene Gletscher, erhält man den falschen Eindruck über die globale Gletscherentwicklung – eine umfassendere Betrachtung hingegen zeigt, dass sich die Gletscher weltweit immer schneller zurückziehen.
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Surftipps
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DeutschlandRadio vom 10. Januar 2011 - Die Fotosammlung des Nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum der USA enthält mehr als 13.000 Gletscherfotos aus anderthalb Jahrhunderten
(in Englisch) - Internetseite des Globalen Gletscher-Beobachtungsdienstes (WGMS), der an der Universität Zürich angesiedelt ist
(in Englisch) - Das Projekt „Global Land Ice Measurement from Space (GLIMS)” erfasst die weltweiten Gletscher mittels Satellitenmessungen
(Website in Englisch)







