Behauptung: „Klimaforscher übertreiben, lügen und betrügen“

Behauptung: „Gehackte E-Mails von Klimaforschern belegen, dass sie lügen und betrügen“

Behauptung: Im Herbst 2009 wurden gehackte Daten aus der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia bekannt. Die 1.079 E-Mails und 72 Dokumente belegen, dass Wissenschaftler Daten zum Klimawandel manipuliert haben. Sie hatten sich abgesprochen, die Erwärmung zu übertreiben und geben intern zu, dass ihre öffentlichen Stellungnahmen Fehler enthielten.

Fakt ist: Mehrere Untersuchungen sprachen die Forscher von Betrugsvorwürfen frei

Antwort: 

Mehrere unabhängige Untersuchungen der gestohlenen E-Mails durch Behörden und Universitäten in verschiedenen Ländern kamen zu dem Schluss, dass sie keinerlei Beleg für Manipulationen oder Betrügereien der Wissenschaftler enthalten. Auch die immer wieder vorgebrachte geringe Anzahl von aus dem Kontext gerissenen Zitaten aus E-Mails spricht in keiner Weise gegen die unübersehbaren Belege für die menschengemachte Klimaerwärmung.

Offenbar durch einen Hacker-Angriff wurden im November 2009 von einem Server der britischen University of East Anglia zahlreiche E-Mails gestohlen, die von Klimaforschern der dortigen Climatic Research Unit (CRU) im Lauf der vorherigen 13 Jahre geschrieben oder empfangen worden waren.

Die 1972 gegründete CRU ist eine kleine Forschungseinrichtung mit 16 Mitarbeitern. Bekannt ist sie vor allem für die 1978 begonnene Zusammentragung der weltweiten Temperaturmessungen von 1850 bis heute („CRUTEM“), einem vor drei vergleichbaren globalen Temperaturdatensätzen. Die vom CRU erhobenen Landtemperaturen werden mit den vom Hadley-Centre des britischen Wetterdienstes gemessenen Wassertemperaturen zum „HadCRUT“-Index zusammengeführt. Das CRU hat darüber hinaus auf Baumringen beruhende Berechnungen der Temperaturen von vor 1850 veröffentlicht. Forscher des CRU wirken zudem am Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, Weltklimarat) mit.

1.079 der gestohlenen E-Mails wurden kurz vor dem Kopenhagener UN-Klimagipfel im Internet veröffentlicht. Ein großer Teil davon hat banale Inhalte, doch einige kurze Zitate daraus sorgten für erhebliches Aufsehen: Vor allem in Großbritannien und den USA sahen etliche  Medien, konservative Politiker und Blogger darin Belege, dass die Theorie der globalen Erwärmung lediglich eine Verschwörung sei und sprachen in Anlehnung an den Watergate-Skandal suggestiv von „Climategate“.  Mehrere unabhängige Untersuchungen haben daraufhin das Verhalten der mit den E-Mails in Zusammenhang stehenden Forscher analysiert. Sämtliche Untersuchungen sprachen die Forscher vom Vorwurf des Betrugs oder der Datenmanipulation frei:

  • Im Februar 2010 veröffentlichte die Pennsylvania State University einen Bericht, für den alle „Climategate“-Mails untersucht wurden, die Michael Mann betrafen, einen Professor des Meteorologischen Instituts jener Universität. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass „keine glaubhaften Beweise dafür existieren, dass Mann direkt oder indirekt an Handlungen beteiligt ist oder jemals beteiligt war, die die Absicht gehabt hätten, Daten zu unterschlagen oder zu manipulieren“. In Bezug auf „Mikes Nature-Trick“ (mehr dazu unten) urteilte der Untersuchungsbericht: „Der sogenannte ‚Trick’ war lediglich eine statistische Methode, mit der zwei oder mehr unterschiedliche Arten von Datensätzen auf legitime Art mit einer Technik zusammengeführt wurden, die von vielen Kollegen des gleichen Forschungsgebiets überprüft worden ist.“
  • Im März 2010 veröffentlichte der Wissenschafts- und Technologieausschuss des Britischen Unterhauses einen Bericht. Der Report beurteilte die Kritik an der Climatic Research Unit (CRU) und ihrem Direktor Phil Jones als unangebracht und befand, dass „das Verhalten von Professor Jones der üblichen Praxis in der Gemeinschaft der Klimaforscher entspricht“.
  • Im April 2010 richtete die University of East Anglia in Absprache mit der Royal Society einen von Professor Ron Oxburgh geleiteten internationalen wissenschaftlichen Prüfungsausschuss  („Scientific Assessment Panel“) ein. Dessen Bericht bewertete die Integrität der vom CRU veröffentlichten Forschungsergebnisse und fand „keine Hinweise auf vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten in der Arbeit des Climatic Research Unit“.
  • Im Juni 2010 veröffentlichte die Pennsylvania State University ihren abschließenden Untersuchungsbericht mit dem Ergebnis, dass „die Anschuldigungen gegen Dr. Michael E. Mann substanzlos sind“.
  • Im Juli 2010 gab die University of East Anglia einen unabhängigen Untersuchungsbericht über die Klimaforscher-Mails heraus. Diese wurden mit Blick auf Vorwürfe von Datenunterschlagungen und -manipulationen analysiert. Der Bericht befand: „An der sorgfältigen Arbeit und Ehrlichkeit der Forscher besteht kein Zweifel.“
  • Im Juli 2010 ging die US-Umweltschutzbehörde mehreren Petitionen nach, die unter Verweis unter anderem auf „Climategate“ die Erderwärmung angezweifelt und eine Konspiration von Forschern vermutet hatten. Fazit der Behörde: Bei den vermeintlich brisanten E-Mails „handelt es sich um eine harmlose Diskussion unter Wissenschaftlern, wie sie entsteht, wenn an der Zusammenstellung und Darstellung umfangreicher und komplexer Datensätze gearbeitet wird“.
  • Im September 2010 antwortete die britische Regierung auf den Bericht des Wissenschaftsausschusses des Unterhauses vom März. Die Korrektheit der Arbeitsweise der CRU-Forscher wurde nochmals bestätigt, zum Vorwurf der Umgehung des Peer-Review-Verfahrens lautete das Urteil: „Die von uns gesichteten Indizien deuten nicht darauf hin, dass Professor Jones das Peer-Review-Verfahren zu umgehen suchte. Forscher sollten nicht dafür kritisiert werden, dass sie informelle Kommentare zu wissenschaftlichen Beiträgen abgeben.“
  • Im Februar 2011 wurde im US-amerikanischen Wirtschaftsministerium eine weitere unabhängige Überprüfung der E-Mails durchgeführt (ihm untersteht die US-Ozean- und Atmosphären-Behörde NOAA).  Die Untersuchung fand „in den E-Mails des CRU keine Hinweise darauf, dass die NOAA unsachgemäß manipulierte Daten benutzt hat“.

 

Eine ganze Reihe voneinander unabhängiger Untersuchungen haben also keinerlei Hinweise auf Fälschungen oder eine Verschwörung der Klimaforscher feststellen können. Allerdings wurde kritisiert, dass die CRU in der Vergangenheit externe Anfragen zur Offenlegung ihrer Daten abgelehnt hatte, was dann als Anlass für Verschwörungsvorwürfe genutzt wurde. Der Bericht der britischen Regierung regte deshalb als Konsequenz an, dass Klimaforscher künftig „im Interesse der Unangreifbarkeit“ (anders als bisher in dieser und anderen Wissenschaftsdisziplinen üblich) auch alle Rohdaten, Computercodes und Methodologien ihrer Arbeit veröffentlichen.

Kurz vor dem UN-Klimagipfel in Durban wurde im November 2011 ein zweites, noch größeres Datenpaket in Umlauf gebracht. Es enthielt erneut E-Mails, aber auch weitere Dokumente der CRU. Auf einer Reihe von Internet-Blogs wurde erneut versucht, mit Bruchstücken daraus als Beleg für vermeintliche Betrügereien von Klimaforschern zu nutzen; aber nach den Erfahrungen der Vorjahre erregte dies in der breiten Öffentlichkeit kein größeres Aufsehen mehr.

 

„Mikes Nature-Trick“ und „das Verbergen des Temperaturrückgangs“

Die wohl am häufigsten im Zuge der „Climategate“-Vorwürfe zitierte E-Mail stammt von Phil Jones, und darin steht der Satz:

„Ich habe gerade Mikes Nature-Trick angewendet, indem ich die tatsächlichen Temperaturen bei jeder Serie der letzten 20 Jahre (also ab 1981) und bei den Daten von Keith ab 1961 mit berücksichtigt habe, um den Rückgang zu verbergen.“

Dies wurde immer wieder als Beleg dafür herangezogen, dass die Klimaforscher mit unsauberen Instrumenten arbeiten – und es statt einer Erderwärmung sogar eine -abkühlung gebe, die von den Wissenschaftlern aber verheimlicht werde. Schaut man sich aber den Kontext an, bleibt nichts von dieser Lesart übrig.

Jones erörtert in der zitierten Mail überhaupt nicht den Umgang mit aktuellen Temperaturwerten. Stattdessen geht es um paläoklimatische Daten u.a. aus Baumringen, mit denen die Temperaturen vergangener Zeiten rekonstruiert werden sollten. „Mikes Nature-Trick“ bezieht sich auf ein Verfahren, das in einem Aufsatz in der Zeitschrift Nature benutzt wurde, dessen Hauptautor Michael E. Mann war (Mann 1998). Der „Trick“ besteht darin, Messdaten von Thermometern gemeinsam mit rekonstruierten Daten darzustellen. Auf diese Weise werden aktuelle Messdaten in den Kontext von Temperaturänderungen gestellt, die über längere Zeiträume gemessen wurden.

Das häufigste Missverständnis in Bezug auf diese E-Mail ist die Annahme, dass sich „Rückgang“ auf sinkende Temperaturen der Gegenwart bezieht. In Wirklichkeit geht es um den Rückgang der Verlässlichkeit von Daten aus Baumringen als Temperaturindikatoren seit etwa 50 Jahren,  das sogenannte „Divergenzproblem“. Dabei geht es um Folgendes: In Ermangelung von Temperaturaufzeichnungen, die mehrere Jahrhunderte zurückreichen, greift die Forschung häufig auf „Proxys“ zurück, also Ersatzdaten. Dies sind etwa Jahresringe von alten Bäumen, aus denen sich Temperaturen zu den jeweiligen Zeiten ableiten lassen. Die Verlässlichkeit solcher Ableitungen ist mehrfach bestätigt. Doch etwa seit 1960 weichen die aus Jahresring-Proxys abgeleiteten Temperaturdaten von den realen gemessenen Temperaturen ab; eine Hypothese zur Erklärung ist, dass seitdem andere menschliche Einflüsse, etwa die Belastung durch bodennahes Ozon oder andere Schadstoffe, das Baumwachstum beeinflussen.

Jedenfalls wird dieses „Divergenzproblem“ seit 1995 breit in der Fachwelt diskutiert (siehe z.B. Briffa 1998). Wilmking 2008 beispielsweise analysiert Techniken zu dessen Vermeidung. Betrachtet man also Jones’ E-Mail im Kontext, ist schnell klar: Es geht darin keineswegs um eine geheime Technik von Klimaforschern zur Datenmanipulation, sondern vielmehr um Diskussionen über Techniken zur Datenhandhabung, die seit langem breit diskutiert werden. Mehr über Baumringe und das „Divergenz-Problem“ (in Englisch) auf www.skepticalscience.com.

 

Trenberths „Schande“ und „die Unterbrechung der Erwärmung“

Die zweite vielzitierte E-Mail stammt vom Klimaforscher und IPCC-Hauptautor Kevin Trenberth. Das umstrittene Zitat lautet:

„Tatsache ist, dass wir derzeit den Mangel an Erwärmung nicht erklären können – und es ist eine Schande (engl. Original: „travesty“), dass wir es nicht können.“

Diese Aussage wurde als Beleg dafür interpretiert, dass Wissenschaftler untereinander insgeheim zugeben, dass die globale Erwärmung zu einem Stopp gekommen ist (eine unter Kritikern der Klimaforschung oft gehörte Behauptung ist). In Wahrheit erörtert Trenberth in der Mail lediglich einen Fachaufsatz, den er kurz zuvor veröffentlicht hatte (Trenberth 2009).

In diesem Beitrag hatte Trenberth ausgeführt, dass der Planet sich aufgrund der menschengemachten Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen zunehmend aufheizt – die kurzfristigen Temperaturschwankungen von Jahr zu Jahr um diesen Trend herum jedoch mit den bisherigen Messsystemen nicht auf bestimmte Schwankungen in der Energiebilanz zurückgeführt werden können. Der „Mangel an Erwärmung“ bezog sich speziell auf das gerade vergangene kühle Jahr 2008 (genausogut hätte Trenberth übrigens auch beklagen können, dass wir nicht aus der Energiebilanz erklären können, warum 2005 oder 2010 besonders warme Jahr waren).

 

Die volle Macht der Beweise für eine menschengemachte Klimaerwärmung

Wen die bisherigen Erklärungen nicht überzeugen, der möge sich Folgendes vor Augen halten: Die gehackten E-Mails wurden bloß von einer Handvoll Forscher geschrieben, die kleine Bruchstücke aus der schier unendlichen Masse an Klimadaten erörterten. Selbst wenn sich diese Bruchstücke tatsächlich falsch erwiesen, bliebe eine überwältigende Menge an anderen, konsistenten Belegen für den Klimawandel bestehen, die akribisch durch unabhängig voneinander arbeitende Forschungsgruppen an Instituten in aller Welt zusammengetragen worden sind.

Die Erderwärmung lässt sich nicht nur an Land, sondern auch an den Ozeanen und der Troposphäre beobachten und wird von vielen weiteren Indikatoren bestätigt, etwa vom Wärmegehalt der Ozeane, von der Luftfeuchtigkeit, dem Meeresspiegel, dem Zustand der Gletscher und des arktischen Meereises. Und das beobachtete Erwärmungsmuster entspricht dem, was seit Langem für eine Erderwärmung infolge eines verstärkten Treibhauseffekts vorhergesagt wird: Die Stratosphäre kühlt ab, und die Nachttemperaturen nehmen schneller zu als die Tagestemperaturen, die Wintertemperaturen schneller als jene im Sommer.

John Cook/James Wight/klimafakten.de, Stand:  November 2011