Behauptung: „Die Folgen des Klimawandels sind nicht (so) schlimm“

Behauptung: „Tiere und Pflanzen werden sich an den Klimawandel anpassen“

Behauptung: Seit es die Erde gibt, hat sich das Klima auf ihr immer wieder geändert. Für Tiere und Pflanzen ist die Anpassung daran im Laufe der Evolution geradezu eine Routineangelegenheit geworden.

Fakt ist: Der menschengemachte Klimawandel verläuft viel zu schnell, als dass sich die Natur daran einfach anpassen könnte

Antwort: 

Zahlreiche Fälle, in denen in der Vergangenheit Tier- oder Pflanzenarten ausstarben, standen in engem Zusammenhang mit einem globalen Klimawandel. Wegen des rasanten Tempos, mit dem sich der gegenwärtige Klimawandel vollzieht, können sich bedrohte Arten in den meisten Fällen nur ungenügend oder gar nicht auf die übliche Weise anpassen, z. B. durch Wandern in andere Klimaregionen. Die Klimaänderungen sind in vielen Regionen für viele Arten zu tiefgreifend und erfolgen zu schnell. Für weitverbreitete Arten oder Ökosysteme, die in ihrer Gesamtheit nicht bedroht sind, sind die Auswirkungen weniger gravierend.

Weltweit verändert der Mensch die Natur. Große Teile der Wälder in der gemäßigten Klimazone in Europa, Asien und Nordamerika sind im Laufe der letzten Jahrhunderte der Landwirtschaft, Holzgewinnung und den Städten gewichen – nun sind die tropischen Regenwälder an der Reihe. Sie werden gerodet, um z. B. Soja für die Tiermast anzupflanzen. Auf Grund der  menschlichen Einflüsse wandern in exponentiell gesteigerten Ausmaß mehr und mehr Schädlinge, konkurrierende Arten sowie Fressfeinde in Lebensräume anderer Arten ein. Die bis zum Zusammenbruch der Bestände betriebene Überfischung sowie die Ausbeutung von Waldtierbeständen sind weiterhin eher die Regel als die Ausnahme. Potenziert wird diese Entwicklung durch eine Versechsfachung der Weltbevölkerung seit dem Jahr 1800 und ein Weltwirtschaftswachstum um den Faktor 50.

Der Aufstieg der modernen Gesellschaft basierte jedenfalls auf einer historisch ungekannten Ausbeutung der Natur. Heute stehen bis zu 83 Prozent der Landfläche der Erde unter direk­tem Einfluss des Menschen. Fast die Hälfte der weltweiten Süßwasservorkommen werden vom Menschen genutzt. Durch die Industrie wird mehr Stickstoff eingebracht, als durch sämtliche natürlichen Vorgänge des Planeten; industrielle und landwirtschaftliche Verfahren verursachen eine fortwährende Ansammlung langlebiger Treibhausgase und das in Mengen, die es seit mindestens 800.000 Jahren – und möglicherweise deutlich länger – nicht gegeben hat (Jouzel 2007).

Selbstverständlich wird diese weltweite menschliche Dominanz Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben. Tatsächlich zog der Millenniumsbericht der Vereinten Nationen zur Bewertung von Ökosystemen aus dem Jahr 2005 (ein Umweltbericht vergleichbaren Umfangs wie die Klimareports des IPCC) eine düstere Bilanz: 60 Prozent aller Ökosysteme sind heute geschädigt. Die Aussterberate ist bereits hundert bis tausend Mal höher als in der Erdgeschichte üblich. In Südostasien beispielsweise könnten laut einer Studie (Brook 2003) bis zum Jahr 2010 bis zu 42 Prozent aller Arten allein durch Abholzung und die Fragmentierung ihrer Lebensräume aussterben.

Artensterben aufgrund zerstörter Lebensräume – die linke Hälfte der Grafik zeigt für Singapur Arten, deren Aussterben nachgewiesen ist (blau) bzw. angenommen werden kann (grün), die rechte Hälfte zeigt das bis 2100 für Südostasien zu erwartende minimale (gelb) und maximale (rot) Artensterben; Quelle: Sodhi 2004

Angesichts dieser bestehenden Bedrohungen und Umbrüche liegt die Frage nahe, ob die globale Erwärmung die prekäre Lage noch wesentlich verschärfen wird. Dass der Klimawandel zurzeit nicht im Fokus der meisten Naturschutzbiologen steht, dürfte größtenteils daran liegen, dass andere Bedrohungen noch stärker und drängender sind.

 Mit Sicherheit hat die globale Erwärmung bereits die geographischen Verbreitungsgebiete vieler Arten sowie ihre Brut-, Wander-, Blütezeiten usw. beeinflusst (Parmesan 2006). Doch die Hochrechnung dieser beobachteten Einflüsse auf das künftige Artensterben ist schwierig. Laut der wohl bekanntesten Studie zum Thema (Thomas 2004) werden aufgrund des Klimawandels schätzungsweise 18 bis 35 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten bis zum Jahr 2050 dem Aussterben geweiht sein. Die Studie löste heftige Debatten aus, weil sie einen einfachen Ansatz zur Berechnung der Änderungen von geographischen Verbreitungsgebieten nach der Anpassung der Arten an gegenwärtige bioklimatische Bedingungen verwendete. Eine Auffassung lautete, dass die Studie zu optimistisch ausfiel oder die Unsicherheit der Befunde groß sei, weil zahlreiche ökologische Details nicht berücksichtigt wurden (Thuiller 2004). Auch eine neuere Studie weist darauf hin, dass bisherige Untersuchungen die Geschwindigkeit des Artensterbens wahrscheinlich unterschätzen (Urban 2012). Andere Kritiker meinten, die Studie sei zu pessimistisch und vernachlässige Erkenntnisse über die Anpassungsfähigkeit von Arten, auf die die relativ geringe Zahl ausgestorbener Arten während der letzten Eiszeit hinweise (Botkin 2007).

Sicherlich sind Veränderungen der Artenzusammensetzung in Ökosystemen ein natürlicher Vorgang in der Erdgeschichte. Anpassungen in einer bestimmten Region sind grundsätzlich für die Natur kein Problem, sofern die Einwanderung der an die neuen Verhältnisse angepassten Arten schnell genug erfolgt und die Funktionsfähigkeit des Ökosystems jederzeit aufrecht erhalten werden kann. Das ist wie erwähnt der kritische Punkt. Allerdings muss der Mensch auch bei einer erfolgreichen Anpassung möglicherweise seine land- oder forstwirtschaftliche Nutzung anpassen – was unter Umständen sehr aufwändig sein kann.

Bei Betrachtungen zur Biodiversität spielt zudem der räumliche Maßstab eine Rolle. Änderungen in der globalen, regionalen oder lokalen Artenvielfalt können sehr unterschiedlich sein. So bedeutet das Aussterben einer bestimmten Art in einer Region zwar einen Rückgang der regionalen, nicht unbedingt aber eine Minus bei der globalen Biodiversität. Grundsätzlich könnte eine klimabedingte Veränderung der Artenzusammensetzung sowohl eine Erhöhung als auch eine Reduktion der regionalen Biodiversität mit sich bringen – wobei eine Erhöhung durch die Einwanderungsgeschwindigkeit von Arten beschränkt wird und die Biodiversität bei raschen Veränderungen durch die rasche Ausbreitung invasiver Arten stark reduziert werden kann. Eine Ab- ist also bedeutend wahrscheinlicher als eine Zunahme.

Ein Blick in die Erdgeschichte zeigt, dass zahlreiche Massensterben von Arten offenbar in engem Zusammenhang mit Klimaveränderungen standen. Dies gilt für das dramatischste Aussterben vor 250 Millionen Jahren, mit dem das Paläozoikum endete, ebenso wie für das etwas weniger katastrophale, aber dennoch zerstörerische Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) vor 55 Millionen Jahren. Hingegen gab es während der etwas jüngeren Erdgeschichte, nämlich über die Gletscherzyklen des Känozoischen Eiszeitalters während der letzten Million Jahre, anscheinend wenige Fälle klimabedingten Aussterbens.

Dieses sonderbare Phänomen seltenen Aussterbens während einer Eiszeit hat sogar einen Namen: das „Quaternary Conundrum“ (zu Deutsch etwa: „das Rätsel des Känoischen Eiszeit­alters“). In diesem Zeitraum betrug die Differenz der globalen Durchschnittstemperatur zwi­schen Eis- und Warmzeit 4 bis 6 Grad Celsius (was vergleichbar ist mit den Klimaprognosen für das kommende Jahrhundert bei ungebremster Nutzung fossiler Energieträger). Die meisten Arten haben – darauf weisen fossile Funde und genetische Merkmale moderner Arten hin – den zahlreichen glazial-interglazialen Zyklen des Känozoischen Eiszeitalters anscheinend standgehalten. In Europa und Nordamerika verlagerten Populationen wegen aus nördlicher Richtung herannahender Eismassen ihren Lebensraum gen Süden und kehrten nach deren Zurückweichen in nordische Gebiete zurück. Einige Arten überdauerten möglicherweise auch in örtlich begrenzten Regionen mit günstigen Bedingungen, die isoliert inmitten der Tundra oder eisbedeckter Landschaften lagen.

 Trotz allem gibt es zahlreiche Gründe, warum die künftigen Einflüsse von Klimaänderungen auf die Artenvielfalt besonders stark sein werden:

 a) Die Erderwärmung vollzieht sich rasanter als je zuvor

Die durch den Menschen verursachte Erwärmung vollzieht sich schon jetzt rasant und wird sich erwartungsgemäß noch beschleunigen. Verschiedene IPCC-Szenarien  prognostizieren eine Erwärmung von 0,2 bis 0,6 °C alle zehn Jahre. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Temperaturunterschied von vor 15.000 bis 7.000 Jahren betrug etwa 0,005 °C pro Jahrzehnt! (Wenngleich gelegentlich auch kurzfristige und möglicherweise nur regionale abrupte Klimaveränderungen eintraten, wie z. B. die Jüngere Dryaszeit sowie Dansgaard-Oeschger- und Heinrich-Ereignisse.)

 b) Es droht ein für moderne Arten unbekanntes Klima

Bei einer optimistisch geschätzten niedrigen Erwärmung von 2 Grad Celsius im Laufe des 21. Jahrhunderts würde die globale Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche klimatische Bedingungen herstellen, die zuletzt in der Mitte des Pliozäns vor drei Millionen Jahren herrschten. Eine atmosphärische Erwärmung um 4 Grad Celsius würde die Erde innerhalb nur eines Jahrhunderts zurückkatapultieren in ein Klima, das längerfristig zu einer weitgehend eisfreien Erdoberfläche führt wie es zuletzt vor ungefähr 35 Millionen Jahren herrschte. Demgegenüber beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer einer Art nur eine bis drei Millionen Jahre – es ist also durchaus möglich, dass in dem aus geologischer Sicht extrem kurzen Augenblick eines Jahrhunderts Bedingungen auf der Erde entstehen, mit denen moderne Arten noch nie konfrontiert waren. Es ist deshalb auch nicht einfach voraussagbar, wie diese darauf reagieren werden.

 c) Die Artenvielfalt steht sowieso schon unter Druck

Wie bereits erwähnt, haben die Ökosysteme des 21. Jahrhunderts ohnehin schon massive Veränderungen erfahren und sind daher weniger belastbar als frühere. Mehr oder weniger bedingt durch menschliche Einflüsse sind die meisten Lebensräume bereits geschädigt, die Bestände an Pflanzen und Tieren mehr oder weniger dezimiert. Jahrtausendelang fand die Einwirkung durch den Menschen zwar mit hoher Intensität, jedoch örtlich begrenzt statt. Seit wenigen Jahrhunderten haben wir jedoch physikalische und biologische Veränderungen globalen Ausmaßes eingeleitet. So verstärken sich globale Erwärmung, Übersäuerung der Ozeane, Zerstörung oder Fragmentierung von Lebensräumen, die Verbreitung invasiver Arten sowie Umweltverschmutzung gegenseitig und werden wahrscheinlich zu einem beschleunigten Aussterben von Arten führen.  Vielen Arten ist heute das Abwandern in unberührte Gebiete oder die Erhaltung einer „Pufferpopulation“ erschwert. Da eine Bedrohung jeweils die andere verstärkt oder die verschiedenen Aspekte sich wechselseitig beeinflussen, ist der Gesamteffekt weitaus größer, als wenn die einzelnen Gefahren isoliert aufträten (Brook 2008).

 d) Wanderbewegungen und Evolution sind langsamer als der Klimawandel

In der Vergangenheit passten sich Arten an klimatische Veränderungen meist durch Verlagerung des geographischen Lebensraums in nördlichere oder südlichere Breiten (je nach Erwärmung oder Abkühlung des Klimas) oder in höhere oder niedrigere Gebirgshöhen an. Außerdem kam es zu evolutionären Adaptionen: Die anpassungsfähigsten Exemplare überlebten und vererbten ihre Belastbarkeit an künftige Generationen. Heute aber kann diese Art der Anpassung aufgrund der obengenannten Punkte a bis c in den meisten Fällen nicht oder nur unzureichend erfolgen. Der aktuelle globale Klimawandel ist schlichtweg zu tiefgreifend und vollzieht sich zu rasch. Es fehlt die Zeit. Keine Art kann vor der Bedrohung weglaufen oder sich verstecken.

Barry Brook/klimafakten.de; Stand: Januar  2012