Klimaberichterstattung weltweit 2004-2026

Die weltweite Klimaberichterstattung ist seit dem Höchststand 2021 deutlich gesunken. Aber Kommunikationswissenschaftliche Studien zeigen: Eine mediale Flaute ist keine Ablehnung von Klimaschutz; Grafik: MeCCO.

Laufend erarbeitet die Sozialforschung wertvolle Erkenntnisse, die bei einer wirksameren Klimakommunikation helfen können. In dieser Rubrik von #DebattenKLIMA stellen wir jeden Monat eine besonders herausragende Publikation vor. Dafür bringen Mitglieder des Climate Communication Lab (Leitung: Prof. Dr. Brüggemann, Universität Hamburg) ihre Expertise ein. Auf dem Blog ClimateMatters.de des Lehrstuhls erscheint auch eine englischsprachige Version dieses Artikels.

Welcher Frage gehen die Studien nach? 

Kann es sein, dass wir mental nur begrenzte Kapazitäten haben, uns Sorgen zu machen und das Klima daher zwangsläufig in den Hintergrund rückt? Führen diese Dauerkrisen dazu, dass die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen bröckelt? Stimmt also die Theorie des sogenannten „finite pool of worries“, derzufolge Menschen nicht mehr als eine Handvoll Krisen gleichzeitig im Blick haben können?

Um zu verstehen, wie sich überlagernde Krisen auf unsere Haltung zum Klimawandel und zur Klimapolitik auswirken, betrachten wir drei aktuelle sozialwissenschaftliche Arbeiten:

Matthew Sisco et al. (2023) untersuchen am Beispiel der COVID-19-Pandemie, ob globale Krisen zu einem Rückgang der Sorgen um den Klimawandel führen und ob die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema nachlässt.

Adrian Rinscheid und Sebastian Koos (2023) gehen der Frage nach, ob die negativen Auswirkungen von Krieg und Pandemie die Unterstützung für klimapolitische Maßnahmen schwächen.

Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist die belastbar?

Die Arbeit von Matthew Sisco et al. (2023) basiert auf einer umfangreichen Längsschittstudie in den USA, Indien und China von Ende 2019 bis Mitte 2020. Durch die Erfassung vor und während des Pandemieausbruchs lassen sich zeitliche Trends in der öffentlichen Aufmerksamkeit nachzeichnen.

Dabei wird die selbe Umfrage zu mehreren Zeitpunkten durchgeführt. Da ein Teil der Respondent:innen bei verschiedenen Erhebungen dabei war, lassen sich auch persönliche Veränderungen erfassen.

Zusätzlich überprüfen die Autor:innen Veränderungen bei der medialen Aufmerksamkeit für das Thema anhand von Nachrichten- und Twitterdaten.

Rinscheid und Koos (2023) nutzen ein kontrolliertes Umfrage-Experiment mit deutschen Respondent:innen. Diese Methodik ist besonders stark darin, ursächliche Zusammenhänge (Kausalitäten) zu isolieren und statistisch zu belegen.

Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?

Die Ergebnisse der Studien zeigen ein differenziertes Bild darüber, wie unser Gehirn mit konkurrierenden Krisen umgeht:

Keine Verdrängung der Sorge, aber begrenzte Aufmerksamkeit

Die Befunde von Sisco et al. (2023) zeigen, dass andere Krisen die Grundbesorgnis über den Klimawandel nicht verdrängen. Im Gegenteil zu den Erwartungen der Forscher:innen zeigen deren Ergebnisse, dass „Besorgnis über COVID-19 andere Sorgen [wie den Klimawandel] nicht verdrängt, sondern möglicherweise auf diese ‚überschwappt’ und verstärkt” (S. 3).

„Besorgnis über COVID-19 verdrängt andere Sorgen nicht, sondern schwappt möglicherweise auf diese über.“

Allerdings scheint die menschliche Aufmerksamkeitsspanne begrenzt. Im Untersuchungszeitraum gingen die mediale Berichterstattung zu Klimathemen in den USA zurück, und auch auf Twitter wurde weniger zu dem Thema diskutiert. Diese Beobachtung deckt sich mit den Daten, die monatlich im Media and Climate Change Observatory (MeCCO) erfasst werden und den Trend spiegeln.

Keine negativen Auswirkung auf die Politikunterstützung

Auch in Deutschland führen weder Krieg noch Pandemie zwangsläufig zu einem Rückgang der Unterstützung für Klimapolitik.

In der Studie von Rinscheid & Koos (2023) wurden Respondent:innen gebeten, sich eine Verschlimmerung dieser Krisen vorzustellen und anschließend befragt, ob sie bereit wären, höhere Kosten oder eine Einschränkung persönlicher Freiheiten für den Klimaschutz in Kauf zu nehmen.

Während eine mögliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage aufgrund eines eskalierenden Konflikts in der Ukraine kaum Auswirkungen hat, sah die Lage bei den mit der Pandemie verbundenen freiheitseinschränkenden Maßnahmen anders aus: Hier fanden die Autor:innen eine Zunahme bei der Unterstützung für ähnliche Maßnahmen für den Klimaschutz, also wieder eine Art „Überschwappen” von einem Thema zum anderen.

Jedoch rät der Kommunikationswissenschaftler Mike Farjam (Universität Hamburg) zur Vorsicht: „Diese Studie lässt sich schon als ein weiterer Datenpunkt dafür sehen, dass andere Krisen die Unterstützung für Klimapolitik nicht notwendigerweise untergraben.Aber konkrete Handlungsanweisungen oder politische Entscheidungen daraus abzuleiten geht etwas zu weit”.

Des weiteren „sind es hauptsächlich die bereits über den Klimawandel besorgten Bürger:innen, die ihre Unterstützung für diese Maßnahmen erhöhen”, so Rinscheid & Koos (2023, S. 4). Auch das Vertrauen in die Regierung spielt eine entscheidende Rolle.

Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?

Da unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, stehen Kommunikator:innen in Zeiten multipler Krisen vor einer besonderen Herausforderung.

Keine Panik bei zeitweisem Aufmerksamkeitsverlust

Wenn andere akute Krisen – wie Pandemien, Kriege oder wirtschaftliche Schocks – die Schlagzeilen beherrschen, verdrängt das die grundlegende Klimasorge nicht dauerhaft. Es ist ein vollkommen normales, menschliches Phänomen begrenzter Aufmerksamkeit.

Kommunikator:innen sollten diese vorübergehende mediale Flaute nicht mit einer inhaltlichen Ablehnung von Klimaschutz verwechseln. Stattdessen gilt es, Ruhe zu bewahren und die eigene Informationsstrategie langfristig auszurichten, bis wieder Aufnahmekapazitäten in der Öffentlichkeit frei werden.

Aufmerksamkeit für das Thema strategisch planen

Der Versuch, bei konkurrierenden und akut bedrohlichen Krisen mit aller Macht gewaltsam Daueraufmerksamkeit für das Klima zu erzwingen, kann nach hinten losgehen.

Wenn Menschen bereits durch andere Ereignisse kognitiv und emotional ausgelastet sind, kann zusätzlicher Alarmismus schnell zu Überforderung führen, oder Stress und Burnout verstärken.

Dies kann zu einer Abwehrhaltung oder einem Backlash in der Bevölkerung führen, bei dem sich das Publikum im schlimmsten Fall völlig vom Thema abwendet.

Zu gewissen Zeiten — wie etwa bevorstehenden Wahlen — ist aber die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit sehr wichtig. Es gilt daher, für diese sogenannten Opportunitätsfenster bereit zu sein.

Zum Weiterlesen

Rinscheid, A., & Koos, S. (2023). War and pandemic do not jeopardize Germans’ willingness to support climate measures. Communications Earth & Environment, 4(1), 101. https://doi.org/10.1038/s43247-023-00755-z

Sisco, M. R., Constantino, S. M., Gao, Y., Tavoni, M., Cooperman, A. D., Bosetti, V., & Weber, E. U. (2023). Examining evidence for the Finite Pool of Worry and Finite Pool of Attention hypotheses. Global Environmental Change, 78, 102622. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2022.102622

Zum Thema Klimamüdigkeit: https://www.klimafakten.de/kommunikation/studie-des-monats-082026-fuehrt-mehr-aufmerksamkeit-auf-den-klimawandel-zu-stress-und